Kirgistan zu Besuch
Kirgistan zu Besuch in Andeer vom 10. bis 20. August 2007
Einen Einblick in eine für die meisten von uns fremde Kultur zu erhalten, war ein grosses und bereicherndes Erlebnis. Zu erfahren, wieviele Frauen aus unserem Verein sich dafür einsetzten, um die Verkaufsausstellung mitsamt dem vielfältigen Rahmenprogramm zu ermöglichen, hat mich sehr beeindruckt. Jeden Tag standen mindestens vier Frauen im Einsatz. Ihnen allen danke ich auch im Namen des Vorstandes ganz herzlich für die grosse Hilfe. In meinen Dank einschliessen möchte ich auch die Gemeindebehörde von Andeer und die vielen lokalen Helferinnen und Helfer. Überall, wo ich anklopfte, fand ich ein offenes Ohr für unser Anliegen. Für die Gemeinde Andeer, das lokale Gewerbe, Hotels und Gaststätten war dieser Anlass erfreulich, brachte er doch viele zusätzliche Gäste ins Dorf.
Als Susanne und Walter Schläppi im August 2006 mit der Anfrage an unseren Verein gelangten, ob wir bereit wären, eine Verkaufsausstellung von Kirgisischen Filzteppichen und weiteren Filzhandarbeiten in Graubünden zu organisieren, hatten wir noch keine Ahnung, was da alles auf uns zukommen würde. Zuerst galt es den richtigen Standort zu finden. Er sollte ländlich und gut erreichbar sein. Es war auch wichtig, vor Ort engagierte Filzfrauen zu haben, die bereit waren, sich für dieses Projekt einzusetzen. So fiel die Wahl auf Andeer, was sich im Nachhinein als ideal herausstellte.
Am 14. Oktober 2006 trafen sich Esther Grischott, Sonja Weichelt, Pascale Rime und Rosmarie Persenico mit Susanne und Walter Schläppi zu einer Besprechung und Besichtigung vor Ort. Darauf entschlossen wir uns, dieses Projekt in Angriff zu nehmen unter der Voraussetzung der Bewilligung durch die Gemeinde Andeer. Zwei Monate nach der Anfrage traf diese ein mit der Zusage, dass uns die Mehrzweckhalle, das Badiwäldli sowie die Infrastruktur gratis zur Verfügung gestellt werde. So stand nichts mehr im Wege, um unsere Arbeit aufzunehmen. Die Chargen hatten wir weitgehend schon im Oktober verteilt.
Am 1. Juli 2007 wurde im Seminarraum des Hotels Fravi eine Vorausstellung eröffnet, realisiert durch Esther Grischott, Marlène Lang und Sonja Weichelt. Diese informative, sehr schön gestaltete Ausstellung machte die Bevölkerung und die Gäste auf das bevorstehende Ereignis aufmerksam. Sie berichtete über das Land Kirgistan, das dortige Filzhandwerk und die speziellen Filztechniken Shyrdak und Ala Kiiz. Zudem hatten wir die Gelegenheit, unseren Verein vorzustellen.
Die Spannung stieg, als wir uns – Susanne Schläppi, Pascale Rime mit ihrer Bekannten Eliane Pürro, Margrith Gujan, Romana Pfister, Helene Thöny, Marianne Göddemeyer, Sonja Weichelt und Rosmarie Persenico – am 9. August trafen, um die riesigen Taschen aus Kirgistan auszupacken, die Ware zu sortieren, auszumessen, die Preise zu berechnen und die Filzteppiche auszuzeichnen. Unter tatkräftiger Mithilfe von Gemeindeabwart Plasch Clopath und Simon Persenico präsentierte sich bis zum Abend eine ansprechende Verkaufsausstellung.
Vor unseren Augen schwirrten die vielen farbenprächtigen Shyrdakmuster und Zahlen, Zahlen….. Nachts plagten uns Albträume, ob wir all die Filzkunstwerke überhaupt verkaufen könnten, fühlten wir uns doch verantwortlich gegenüber unseren Kirgisischen Gästen, die nach einer langen Reise, begleitet von Walter Schläppi an diesem Abend eintrafen. Sie wurden durch Bernhard Eith aus Trimmis freundlicherweise unentgeltlich von Kloten nach Andeer chauffiert.
Wir begrüssten Torkun Baitikeeva, Urulai Mameshova, Saadagül Sadykova, Keres Abdukasumova, Dinara Nurmanbetova und den männliche Begleiter Myrza Ozybekov. Nur die beiden letzteren sprachen Englisch. Ausser Myrza haben alle zum ersten
Mal Kirgistan verlassen und ihren ersten Flug erlebt. In Zweiergruppen aufgeteilt verbrachten die Gäste die erste Nacht bei Sonja in Zillis, Esther in Pignia und Rosmarie auf dem Maiensäss Promischur.
Vom Wetter mit Kälte, Nässe und nächtlichen Gewittern wurden wir nicht gerade verwöhnt, doch hat dies keineswegs auf die gute Stimmung gedrückt. Schon am Freitag Morgen beim Aufstellen der Jurte fanden sich viele Schaulustige mit Fotoapparaten und Filmkameras ein. Es ging nicht lange, legten die Anwesenden selbst Hand an, speziell als es darum ging, den Dachkranz durch viele Streben mit den Seitenwänden zu verbinden.
Als am Mittag die Verkaufsausstellung öffnete, wurden wir förmlich vom Publikum überrannt. Anscheinend hatten die vielen Presseberichte in Deutscher und Italienischer Sprache sowie die persönlichen Einladungen ihre Wirkung nicht verfehlt. Es galt Interviews zu erteilen und
viele Fragen zu beantworten. Dieses Interesse hielt übers ganze Wochenende unvermindert an.
Bis zum Sonntag Abend hatten wir schon so viel Ware verkauft, dass wir am Erfolg dieses Projektes nicht mehr zweifeln mussten. In der Jurte empfingen die Kirgisinnen viele Gäste zu feinem, täglich auf dem Holzofen frisch hergestelltem Gebäck, Schwarztee aus dem Samowar und einheimischen Produkten, wie Nüssen, Trockenfrüchten, speziell ausgelassener Butter, Honig, Beerenkonfitüre und Fladenbrot. Das ursprünglich vorgesehene Angebot, in der Jurte zu übernachten, mussten wir aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Gäste einschränken.
Am Samstag wurden die Behörde und weitere Persönlichkeiten der Gemeinde in der Jurte empfangen, wo die auserwählten Gäste überdies in den Genuss von Kumys, der leicht vergorenen Stutenmilch kamen.
Wir erlebten 10 interessante Tage mit vielen schönen Begegnungen. Ganz speziell habe ich es genossen, mich gegen Abend in die Jurte zurückzuziehen und diese ruhige, entspannte Atmosphäre zu spüren. Die Herzlichkeit und Ausgeglichenheit der Kirgisischen Gäste hat mich tief beeindruckt. Wir verstanden uns auch ohne miteinander sprechen zu können. Und gab es dennoch Fragen, waren immer Susanne und Walter zugegen mit ihren Kirgisischen Sprachkenntnissen. Auch Dinara und Myrza hatten viel Dolmetscherarbeit zu leisten. Aida, eine junge Kirgisin, verheiratet mit einem Simmentalerbauern, weilte oft unter uns. So entstanden ganz persönliche Gespräche, die uns einen Einblick in die Kultur Kirgistans vermittelten.
Ganz speziell freuten wir uns über die zwei Tageskurse zum Erlernen der Shyrdak-Filztechnik, an welchen 26 Frauen aus unserem Verein teilnahmen. Die erfahrenen Filzkünstlerinnen zeigten uns mit viel Geduld, wie die einzelnen Motive, die traditionellen Symbolen entsprechen, aufgezeichnet, ausgeschnitten und zusammengenäht werden. Erst, wenn man selbst eine auch nur kleine Arbeit wie einen Sitzfilz herstellt, wird einem bewusst,
wieviel Ausdauer es braucht, in dieser Technik zu arbeiten. Blickte man von unseren Arbeitsplätzen hinunter in die Mehrzweckhalle zu den vielen bunten Teppichen, bewunderte man umsomehr diese Arbeiten.
Jeden Nachmittag konnte man den Frauen bei der Herstellung eines kleinen Ala Kiiz- Teppichs zuschauen. Diese Filzdemonstrationen wurden von vielen Gästen mit grossem Interesse verfolgt. Zudem wurden mit der Handspindel Kordeln gesponnen und Sitzfilze in der Shyrdaktechnik genäht. Auch die Kirgisinnen waren sehr interessiert an unserenFilzarbeiten und den verschiedenen Wollqualitäten. So führte sie Marianne Göddemeyer unter anderem in die Technik des Bändelfilzens ein.
Einen unerwartet gewaltigen Aufmarsch von interessierten Zuhörern erlebten Susanne und Walter Schläppi am Dienstagabend im Hotel Fravi zu ihrem anschaulichen Diavortrag über Kirgisische Schäferfamilien. Der Saal war zum Bersten voll und vermochte leider nicht allen Besuchern Platz zu bieten. Am Freitagabend, als der Film über die Filzerinnen in Graubünden von Walter Hunkeler gezeigt wurde, konnten wir uns auch nicht über mangelnden Besuch beklagen. Die Kirgisinnen folgten begeistert dem Bilderreigen, hatten sie doch inzwischen fast alle Portraitierten persönlich kennengelernt.
Nebst einem Dorfrundgang ermöglichten wir den Gästen im Laufe der Woche einen Besuch in einem Bauernbetrieb, der Sennerei, eines Handarbeitladens und einer Alphornwerkstatt. Aida begleitete die Frauen ins Schamser Mineralbad, ein wohl einmaliges Erlebnis.
Höhepunkt war der Besuch der Alp Bergalga, zuhinterst im Averstal auf 2074 m.ü.M., wo ihnen die Käseproduktion vorgeführt wurde.
Des Weiteren stand der Besuch im Werkatelier von Romana Pfister in Tomils auf dem Programm. Am Sonntag Abend trafen wir uns zu einem gemeinsamen Abendessen im Hotel Fravi, offeriert von der FILZSZENE GRAUBÜNDEN. Marianne verabschiedete die Gäste mit netten Worten und dankte allen Beteiligten für das gute Gelingen. Sie beschenkte die Kirgisinnen mit einer symbolisch verbindenden Stroharbeit; auch wurden gegenseitig kleine Geschenke ausgetauscht.
Während wir am Montag die vollständig ausverkaufte Mehrzweckhalle reinigten und die Jurte zusammenpackten, reisten die Frauen mit dem Postauto nach Chur, begleitet von Pauline Müller. Dort erwartete sie freundlicherweise Uschi Deplazes. Eine Besichtigung der Altstadt stand auf dem Programm und natürlich das Einkaufen von viel, viel Schokolade, Ansichtskarten, Kartoffelschälern und Rüstmessern. Die Rückfahrt erfolgte zunächst mit der
RhB bis Thusis, wo ihnen von Pauline Müller ein Zvieri offeriert wurde. Mit dem Postauto gings anschliessend zurück nach Andeer.
Die letzte Nacht verbrachten die Gäste wieder bei ihren Gastfamilien und schon am frühen Morgen stand Bernhard Eith mit dem Sayserposti zur Rückfahrt nach Kloten bereit. Begleitet wurden sie von Susanne und Walter Schläppi. Zurück bleibt die Freude über dieses gelungene Projekt mit dem grossen Verkaufserfolg. Die Gelegenheit einen Einblick in eine für uns fremde Kultur zu erhalten hat uns sicher alle
tief beeindruckt.
Es bleibt mir nochmals allen Helferinnen und Helfern zu danken und wer weiss, vielleicht findet die eine oder andere von uns einmal den Weg nach Kirgistan. Herzlich eingeladen sind wir alle.
Trimmis, 10. Oktober 2007 Rosmarie Persenico
Hier können Sie den Bericht mit vielen Bildern herunterladen.






